Erste Gewerkschaftsgründung der Nachkriegszeit.
Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund Aachen 1945.
"Nach zwölf Jahren Terror können wir wieder, ohne die Gestapo
im Nacken, unter den Arbeitern zusammen sein".
Etwa 80 Frauen und Männer teilten diese Erfahrung von Anna
Braun-Sittarz. Die Aussprache fand am Sonntag, 18. März 1945,
in der Handwerkskammer Aachen, Couvenstraße, statt.
Ihr Ergebnis war die erste Gewerkschaftsgründung der Nach-
kriegszeit auf deutschem Boden, der 'Freie Gewerkschaftsbund
Aachen'.
Bereits am 21. Oktober 1944 war Aachen von amerikanischen
Truppen befreit worden. Für die amerikanische Besatzungs-
macht war Aachen Experimentierfeld, erste deutsche Stadt
unter Besatzung. Politisch richtete sie ihr Hauptaugenmerk
auf den Aufbau der Stadtverwaltung. Gewerkschaften ließ
sie nicht zu. Obwohl Heinrich Hollands, Jean van Wersch und
Matthias Wilms sich auf amerikanische Erlasse zur Gründung
von Gewerkschaften berufen konnten, erhielten sie kurz nach
der Befreiung abschlägigen Bescheid. "Die militärische Lage
ist zu unsicher. Sprechen Sie wieder vor, wenn wir am Rhein
stehen." In diesem Sinn erklärte sich Major Bradford gegen-
über drei Gewerkschaftern, an deren antifazistischem Willen
kein Zweifel bestehen konnte.
Der Bescheid des amerikanischen Offiziers bedeutete, daß sie
weiterhin illegal arbeiten mußten, wenn auch nicht mehr
unter dem Druck faschistischer Verfolgung.
Unter ihnen war auch Anna Braun-Sittarz, eine der bedeutenden
Frauen, die Aachen hervorgebracht hat. Die gelernte Weberin
(geb. 1892) hatte sich bereits in der Weimarer Republik einen
Namen als Betriebsrätin und kommunistische Stadträtin gemacht.
In der NS-Zeit war ihr Milchkiosk Ecke Königstraße / Mauerstraße
eine Anlaufstelle für Widerstandskämpfer gewesen. 27 Monate
Gefängnis hatte sie erleiden müssen.
Als die Amerikaner am Rhein standen, wurde bei einer der Zu-
sammenkünfte die "Vierer-Kommission" gewählt. Anne Braun-
Sittarz, Heinrich Hollands, Jean van Wersch und Matthias Wilms
waren am 10. März 1945 bei der amerikanischen Komman-
dantur vorstellig. Sie erhielten grünes Licht für die Gründung.
Die Vorlage des Programms wurde gefordert. Nach dessen Prü-
fung erhielten sie als Termin Sonntag, den 18. März 1945.
Anwesend waren Gewerkschafter aller Richtungen - sozialdemo-
kratische und kommunistische ebenso wie christliche und ehe-
mals Hirsch-Dunkersche. Eindringliche Plädoyers für den Aufbau
einer Einheitsgewerkschaft bestimmten die Gründungsversamm-
lung.
"Die Versammlung entschied", berichteten die 'Aachener Nach-
richten', die Heinrich Hollands ab Januar 1945 herausgab, "daß
alle Gewerkschaftsgruppen - ob christliche oder sozialdemo-
kratische Gewerkschaftsgruppen - in einem einzigen Bund
zusammengefaßt werden sollen."
Matthias Wilms führte aus: "Wir können es uns nicht erlauben,
das, was war, noch einmal zu durchleben, sondern wir müssen
das Unheil wieder gut machen, welches über das deutsche Volk
hereingebrochen ist durch die Schuld der Nazis. Wenn wir auch
zur Zeit nur eine Lokalorganisation darstellen, so müssen wir doch
den Weg zur Zentralorganisation der Gewerkschaften beschreiten.
Es hat sich erwiesen, daß Berufsgruppen und Lokalgewerkschaften
nicht richtig waren, deshalb müssen wir die Zentralorganisation
erstreben." Und: "Parteipolitische Tendenzen sind grundsätzlich
aus der Gewerkschaft auszuschalten."
Die Zentralorganisation sollte nicht - wie heute beim DGB -
Dachverband für die Einzelgewerkschaften sein. Vielmehr sollten
in ihr alle Einzelgewerkschaften in Industrieabteilungen zusam-
mengefaßt sein, geleitet von einem Vorstand. Eine einheitliche
Gewerkschaftsorganisation sollte erstehen, die weltanschaulich
bzw. religiös tolerant und parteipolitisch neutral sein sollte.
Zustimmung erhielten auch die "13 Aachener Punkte", die für
eine Reihe weiterer Gründungen das Vorbild abgaben: Völker-
verständigung, Kampf gegen Faschismus und Militarismus,
sozialpolitische Erneuerung.
In den ersten Vorstand gewählt wurden als 1. Vorsitzender
Matthias Wilms, die sozialdemokratischen Gewerkschafter
Nikolaus Kreitz und Toni Valder, der parteipolitisch lediglich
1945/46 gebunden (und zwar an die SPD), Peter Spiegelmacher
und Anna Braun-Sittarz. Nach ihrem tödlichen Unfall drei Wochen
später nahm der kommunistische Gewerkschafter Jean Allelein
ihren Platz im Vorstand ein.
Die Aachener Gewerkschafter hatten auf die Frage 'Befreiung
vom Faschismus - Befreiung für welche Zukunft ?' eine erste
Antwort gegeben. Einheitsgewerkschaft und gesellschaftliche
Neuordnung sollten die Richtung sein.
Doch die Gegenkräfte waren bereits am Werk. Mehr als fünf
Monate hatte es gedauert, bis die Gewerkschaften von den
Amerikanern zugelassen wurden. Fünf Monate, in denen
konsequente Antifaschisten nur illegal wirken konnten !
Gleichzeitig hatte eine Stadtverwaltung ihre Arbeit aufgenom-
men, die alles andere als gewerkschaftspolitisch annehmbare
Ziele verfolgte. Ihr Oberbürgermeister Oppenhoff erklärte zwar
bei der Gründungsversammlung der Einheitsgewerkschaft:
"Die Stadt in Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften, wird
aus Aachen das machen, was es früher war."
Doch neben dieser offiziellen Verlautbarung wußten amerika-
nische Offiziere von anderen Äußerungen zu berichten: "Sie
(die Gruppe um Oberbürgermeister Oppenhoff - d. Verf.)
planen die Zukunft in Form eines autoritären, von oben ver-
walteten Staates mit einer paternalistischen Kleinindustrie,
die auf einem hierarchischen Arbeitssystem von Begabung
und Kunstfertigkeit beruht. ... Sie glauben nicht daran und
beabsichtigen nicht, öffentliche Wahlen durchzuführen, poli-
tische Massenparteien und Gewerkschaften zuzulassen."
Wofür sich Oppenhoff in Zukunft entschieden hätte, können
wir nicht sagen. Eine Woche nach der Gewerkschaftsgründung
erschoß ihn ein faschistisches Mordkommando des 'Wehrwolf'.
Oppenhoffs Engagement als Oberbürgermeister war den
- noch für den "Endsieg" untergehenden Nazis - zuviel, so
zweifelhaft Oppenhoffs Vorstellungen von Demokratie auch
waren.
Behinderungen durch die amerikanische Besatzungsmacht,
Ablehnung bei der Stadtverwaltung und schließlich als drittes,
Behinderungen durch die britische Besatzungsmacht. Sie löste
die amerikanische im Juni 1945 in Aachen ab. Erst als die
Gewerkschaften zustimmten, statt der Zentralorganisation die
Industrieverbände mit Dachverband - das Modell des DGB
heute - zu bilden, stimmten sie überörtlichen Zusammen-
schlüssen der Gewerkschaften zu. Dies waren aber bereits
Entscheidungen, die nicht mehr allein in Aachen, sondern
bereits von den Gewerkschaftern der Nordrhein-Provinz im
Dezember 1945 beschlossen wurden.
Es war eine Niederlage restaurativer Kräfte, die Einheits-
gewerkschaft im März 1945 hinnehmen zu müssen. Diesen
Erfolg zu sicher und auszubauen, ist Aufgabe geblieben.
Quelle:
Hein Kolberg in UNSERE ZEIT / Weltanschauung - Zeitgeschichte,
Freitag, den 26 April 1985.
Erste Gewerkschaftsgründung der Nachkriegszeit.
Kriegsrecht der Besatzungsmächte behinderten politische Arbeit.
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