Kreml für "europäisches Sicherheitssystem" unter Frankreich.

Benutzeravatar
-sd-
Beiträge: 629
Registriert: 30.09.2009, 14:28
Kontaktdaten:

Kreml für "europäisches Sicherheitssystem" unter Frankreich.

Beitragvon -sd- » 26.11.2021, 20:00

-----------------------------------------------------------------------------------------------

Der Kreml befürwortet "europäisches Sicherheitssystem" unter Frankreich.

Daß Ministerpräsident Mendés-France nach dem Scheitern der Brüsseler
Konferenz nicht nach Paris zurückkehrte, sondern den britischen Minister-
präsidenten Sir Winston Churchill besuchte, hatte seine guten Gründe:
Wir wissen, daß er Churchill dazu überreden wollte, die Amerikaner in
ihrem Drang, der Bundesrepublik die Souveränität zurückzugeben, zu bremsen.
Wir wissen auch, daß Sir Winston ausgewichen ist. Herr Mendés-France soll
aber, zuverlässigen Informationen zufolge, noch andere Dinge in seiner
Aktenmappe mitgefühlt haben, als er am Sommersitz Churchills erschien.
Der überraschend vor der Brüsseler Konferenz in Paris aufgetauchte Herr
Wyschinsky soll dem französischen Ministerpräsidenten eine Botschaft
Malenkows überbracht haben, darin dieser eine Zusammenkunft mit Mendés-
France außerhalb der Sowjetunion vorgeschlagen habe. Diesem Vorschlag
soll der Plan der 'Abhaltung einer Konferenz der Großen Drei von Europa'
zugrunde liegen.

Diese Konferenz soll ein "europäisches Sicherheitssystem" unter Führung
Frankreichs und selbstverständlich unter Ausschaltung der USA anstreben.
Das wiedervereinigte Deutschland soll im Rahmen jenes europäischen
Sicherheitssystems in entmilitarisierter Gestalt einbezogen werden.
Mendés-France soll in diesem Zusammenhang, zuverlässigen Korrespondenten-
meldungen zufolge, bereits gewisse Abreden mit Sowjetrußland in Genf
getroffen haben.

Hier ist offensichtlich ein groß angelegtes diplomatisches Ränkespiel
im Gange. Die Reise des britischen Labour-Führers Attlee und einiger
anderer Labour-Abgeordneter nach Moskau und Peking gehört in das gleiche
Kapitel. Man weiß, daß diese Reise von höchsten britischen Regierungs-
stellen toleriert wurde. Es besteht ferner kein Zweifel, daß der Star-
reporter des 'Daily Express', Seston Delmer, sehr viel mehr über die
wahren Hintergründe von Johns Frontwechsel weiß, als er zuzugeben bereit
ist. John wurde zu einem Zeitpunkt zu den Sowjets geschickt, als die
Endphase des Ringens um die EVG in Frankreich einsetzte. Niemand ist
so naiv, diese Tatsache als einen reinen Zufall anzusehen, zumal in-
zwischen bekannt wurde (Indiskretion der Pariser Zeitung 'aux écoutes'),
daß Sir Winston Churchill in einem persönlichen Brief an Mendés-France
unter anderem geschrieben hat:

"Ich bin sehr beunruhigt über die immer enger werdenden Beziehungen
zwischen Amerika und der Regierung des Bundeskanzlers Adenauer. Man
brockt uns da etwas ein, auf das man etwas achten sollte. Dies sollte
uns zu einer gewissen Klugheit und zu großer Wachsamkeit veranlassen".

Vor dem Hintergrund dieses Briefes und des Gesprächs zwischen dem
französischen und dem britischen Premierminister hat es den Anschein,
als hätte Sir Winston sein Telegramm an den Bundeskanzler gerichtet,
um eine Beruhigungsgeste auch in Richtung auf Washington zu machen.

Daß das westdeutsche Brutto-Sozialprodukt im Jahre 1953 um 6 Prozent
oder 8 Mrd. auf 134 Mrd. DM gegenüber dem Jahre 1952 zugenommen hat,
beunruhigt seit langem die englischen Industrie- und Wirtschaftskreise
beträchtlich. Das "deutsche Wirtschaftswunder" wurde in Großbritannien,
aber auch in Frankreich, zum ständig umgehenden Schreckgespenst. Stalin
und seine Berater wußten sehr gut, in welche Falle sie mit Hilfe von Alger
Hiss (der später als Sowjetagent entlarvt wurde) Roosevelt und Churchill
lockten, als sie beide dazu überredeten, in Jalta der Vertreibungsaktion
von rund 15 Millionen Deutschen aus deren uralten deutschen Siedlungs-
gebieten in Ost- und Südosteuropa zuzustimmen. Diese Vertreibung, das
sah Stalin voraus, würde über kurz oder lang einen sozialen und bevölker-
ungsmäßigen Überdruck in dem zu allem seiner landwirtschaftlichen
Überschußgebiete beraubten und territorial weiterhin verengten Rest-
deutschland heraufbeschwören. Diese Erscheinungen würden — auch das
wußte Stalin genau — jenes Restdeutschland aus Gründen seiner nackten
Existenz alsbald zu einer gewaltigen Steigerung seiner Exportwirtschaft
zwingen. Ein scharfer Konkurrenzkampf würde zwischen ihm und den
übrigen westlichen Industriestaaten, insbesondere England, entbrennen,
der selbstredend zu erheblichen politischen Spannungen führen müßte.

Wie sehr diese Konzeption des Kremls durch die spätere Entwicklung ge-
rechtfertigt wurde, beweist täglich aufs Neue ein Blick in die englischen
Zeitungen. Das Gespenst der deutschen Konkurrenz auf den Weltmärkten
geistert unaufhörlich durch die Spalten. Selbstredend ist niemand bereit,
die in Jalta gemachten Fehler zuzugeben. Niemand findet sich, der darauf
hinwiese, daß die entsetzlichen Kriegszerstörungen des Luftkriegs zur
Mitursache einer großzügigen Ankurbelung der deutschen Investitionsgüter-
Industrie geworden sind. Niemand legt sich Rechenschaft darüber ab, daß
es nicht zuletzt auch die widersinnigen Demontagen waren, die entscheidend
dazu beitrugen, das große Teile der Industrie Westdeutschlands alsbald
die modernst ausgerüsteten Betriebe ihrer Art in Europa wurden, weil sie
vielfach sozusagen beim Punkt Null beginnen mußten. Dazu kommt, worauf
erst kürzlich ein führender schweizerischer Wirtschaftsjournalist in zutref-
fender Weise hingewiesen hat, daß eines der wesentlichsten Momente
des deutschen Wirtschaftserfolges in der deutschen Arbeitsleistung liege.
Er fand, daß im Jahre 1953 durchschnittlich 47,9 Arbeitsstunden gegenüber
47,4 im Jahre 1951 geleistet wurden. "Diese Zahlen liegen beträchtlich
über den vergleichbaren Zahlen für die meisten anderen Industrieländer.
Sie entschleiern eine der wichtigsten Voraussetzungen für das rasche
Tempo des Wiederaufbaus" — so schrieb er.

Man muß sich dies vor Augen halten, will man die Hintergründe der jüngst
abgerollten, von Sefton Delmer schon im März inszenierten Pressehetze im
konservativen 'Daily Express' erkennen. Er hatte in Jack Fishman einen
würdigen Vorreiter, der in dem britischen Boulevardblatt 'Empire News'
Ende 1953 eine Deutschland hemmungslos diffamierende Artikelserie über
den angeblich wiedererwachenden Militarismus und Faschismus veröffent-
lichte, Sefton Delmers Spuren folgte, als dieser mit einer neuerlichen Hetz-
serie den Verräter John reinzuwaschen suchte, um die Aufmerksamkeit
von seiner eigenen Mitschuld am Fall John abzulenken, alsbald Mr. Bruce
Rothwell, der im liberalen 'News Chronicle' unter dem Titel 'Kommen die
Nazis wieder ?' die Brunnen nach Herzenslust vergiftete. Ihm wiederum
folgte beflissen das führende Organ der Labour Party, 'Daily Herald',
mit der groß angekündigten Serie 'Deutschland ohne Maske'.

Im ersten Artikel dieser Serie ließ das britische Arbeiterblatt bereits
die Katze aus dem Sack. Es befürwortete höhere deutsche Löhne, weil es
sich davon eine Schwächung der deutschen Exportfähigkeit und ein merkba-
res Nachlassen des deutschen Konkurrenzdrucks auf England versprach.
Deshalb klatschte das Labour-Blatt den Streikunruhen in Hamburg und Süd-
deutschland inbrünstig Beifall. Es bezeichnete die deutschen Streiks
gewissermaßen als Bestätigung für die Richtigkeit seiner These.

Bringt man diese Schützenhilfe einflußreicher britischer Linkskreise in den
natürlichen Zusammenhang mit den oben geschilderten Hetzartikelserien
anderer linksorientierter Journalisten Englands, ferner in Zusammenhang
mit der Reise Attlees und seiner Parteifreunde nach Moskau und Peking und
stellt man dieses merkwürdig anmutende Zusammenspiel vor den Hintergrund
des Ränkespiels von Mendés-France anläßlich seines Besuches beim briti-
schen Premierminister, so wird einem manches klar. Mögen gewisse Nach-
richten darüber, daß der Sicherheitschef der Sowjetzone, Ernst Wollweber,
einst Rotspanien - General und langjähriger Sabotagespezialist, seine
Vertrauensleute in die Streikkomitees Westdeutschlands eingeschleust haben,
da oder dort auch übertrieben bewertet worden sein, so ist doch sicher,
daß ihm und der SED die Streikaktionen in Westdeutschland hochwillkommen
sind. Wollweber selbst hat ja in einem Arbeitsbericht des von ihm gelei-
teten 'Komitees für Streikfragen' bekannt gemacht, daß er seit April 1953
in zwei Spezialheimen 210 westdeutsche, offenbar kommunistische, Gewerk-
schaftler Großangelegtes Ränkespiel. Bedenkt man ferner, daß auch die Streik-
aktionen zeitlich mit dem entscheidenden Stadium des Ringens um die EVG
im französischen Parlament zusammenfielen, so müßte man wahrhaftig die
Naivität eines vorgeschichtlichen Höhlenmenschen besitzen, wollte man
übersehen, daß hier ein gefährliches Kulissenspiel zwischen einfluß-
reichen Kreisen westlicher Länder und dem Kreml hinter dem Rücken der
offiziellen politischen Institutionen im Gange ist, um die amerikanische
Außenpolitik zu torpedieren und um die Bundesrepublik politisch zu iso-
lieren. Wem mit diesem Bestreben allein gedient ist, darüber dürfte es
keine Meinungsverschiedenheit geben.

Quelle: OSTPREUSSEN-WARTE, September 1954

-----------------------------------------------------------------------------------------------

Zurück zu „Beendigung des Besatzungsregims.“