Elend in Deutschland.

Zeitgeschichtlich flankierende Ereignisdaten der Gewerkschaftgeschichte.

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Elend in Deutschland.

Beitragvon -sd- » 05.01.2016, 13:28

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Elend in Deutschland und Not in Europa nach Kriegsende.

Als mit der bedingungslosen Kapitulation am 9. Mai 1945 das alte Deutsche Reich
zusammenbrach, stand das deutsche Volk vor einer Katastrophe von bisher unvor-
stellbarem Ausmaß. Neben den schwerwiegenden Verlusten an Menschenleben,
die der Krieg mit sich gebracht hatte, lagen Industrie und Gewerbe nahezu ver-
nichtet und hilflos am Boden. Zahllose Betriebseinrichtungen bestanden nur noch
aus einem Gewirr zerfetzter Maschinen und Konstruktionen. Gebäude und Hallen
hatten sich in Schutt und Asche verwandelt. Rohstoffe, Halbfabrikate, Hilfspro-
dukte waren kaum noch vorhanden. Hunger und unvorstellbares Elend herrschten
unter der Bevölkerung. Millionen hausten in Ruinen, Kellern, Bunkern, Baracken
und anderen Notunterkünften. 2 1/4 Millionen Wohnungen, 4.700 Brücken, 4.300
Kilometer Eisenbahnschienen waren zerstört, 95 Prozent der deutschen Handels-
Tonnage vernichtet.

Infolge der tiefgreifenden Zerrüttung der Grundlagen der deutschen Wirtschaft
vermochte sich ein auch nur halbwegs normales industrielles und gewerbliches
Leben selbst Monate nach Einstellung der Kampfhandlungen nicht zu entwickeln.
Zwar versuchten Unternehmer und Belegschaften die schlimmsten Kriegsschäden
zu beseitigen und die Produktionsapparaturen notdürftig zu reparieren. Vereinzelt
lief auch wieder eine bescheidene Erzeugung aus den geringen noch vorhandenen
Materialbeständen an, sie war aber angesichts des ungeheuren Bedarfs von nur
geringer Bedeutung.

Der "Normalverbraucher" - eine heute fast schon wieder vergessene Bezeichnung
für denjenigen, der nicht irgendwelche Zulagen beanspruchen konnte - lebte
wöchentlich von 1.000 Gramm Brot, 125 Gramm Fett, 100 Gramm Fleisch, 150
Gramm Nährmittel, 31 Gramm Zucker und 2.000 bis 2.500 Gramm Kartoffeln,
die ihm von einer schwerfälligen Bürokratie zugeteilt wurden und die er sich in
langen Schlangen buchstäblich "erstehen" mußte. Die geringe Güterproduktion
der Wirtschaft wurde größtenteils gegen Lebensmittel für die Arbeiter und Ange-
stellten getauscht. Nicht selten erfolgte eine Teilentlohnung in "Sachwerten", die
dann die Empfänger selbst zum Eintausch gegen Lebensmittel oder sonst irgendwie
begehrte Gegenstände benutzten. So spielte sich also das Wirtschaftsleben in
Deutschland auf der primitiven Stufe des "Natural-Tausches" ab. Die sogenannten
Kompensationsgeschäfte beherrschten das Wirtschaftsleben.

Da bereits in den letzten Vorkriegsjahren - besonders aber während des Krieges -
das nationalsozialistische Regime bedenkenlos Geld gedruckt und ausgegeben
hatte, war im ganzen erheblich mehr Geld vorhanden als zur Bezahlung der zu-
geteilten Waren notwendig war. Außerhalb des Bewirtschaftungssystems mit
behördlich festgelegten Preisen entstanden daher sogenannte "Schwarze Märkte",
auf denen 400 bis 500 Reichsmark für ein Pfund Kaffee, 40 bis 50 RM für 500 g
Fleisch und 200 RM für ein Pfund Butter gefordert und bezahlt wurden. Die Groß-
stadtbevölkerung unternahm abenteuerliche "Hamsterfahrten" in ländliche Bezirke
und versuchte vielfach durch Hergabe allerletzter Werte etwas zusätzliche Nahrung
herbeizuschaffen.

Am 28. März 1946 hatte der Alliierte Kontrollrat, der nach der Kapitulation die
Regierung in Deutschland übernommen hatte, Grundsätze über die künftige wirt-
schaftliche Behandlung Deutschlands verkündet, die neben der Vernichtung des
deutschen Kriegspotentials und der Zahlung von Reparationen an die Länder, die
durch Deutschland geschädigt worden waren, eine weitgehende Beschränkung
des industriellen Erzeugungspotentials vorsahen.

Die Stahlerzeugung wurde damals auf 5,8 Millionen Tonnen jährlich begrenzt,
das bedeutet auf 39 Prozent der Produktion des Jahres 1936; die Erzeugung von
Kupfer, Zink und Blei sollte auf etwa Die Hälfte der Vorkriegsmengen beschränkt
bleiben. Die Fabrikation von Maschinen wurde stark beschnitten. Die Herstellung
synthetischer Stoffe wie Benzin, Öl, Buna, Ammoniak, sowie von Leichtmetallen
(Alluminium und Magnesium) und ferner von Kugel- und Rollenlagern, schweren
Werkzeugmaschninen wurde überhaupt verboten.

Das Bild verdüsterte sich noch mehr, als mit der Abtrennung der Gebiete östlich
der Oder-Neiße-Linie und infolge des schon sehr bald erkennbaren "Eiserner Vor-
hangs" zwischen der sowjetischen und den übrigen Besatzungszonen die dichtbe-
völkerten Westgebiete einen wesentlichen Teil ihrer Ernährungsbasis einbüßten.
Machten doch - um nur einige Zahlen zu nennen - der Rindviehbestand der Ost-
provinzen vor dem Krieg fast 40 Prozent, der Schweinebestand 47 Prozent der für
das Deutsche Reich gültigen Gesamtzahlen aus. Jenseits des nunmehr niederge-
henden "Eisernen Vorhangs" befanden sich 48 Prozent der früheren landwirt-
schaftlichen Nutzflächen und sogar 55 Prozent des Ackerlands.

Die furchtbaren Folgen des Weltringens wirkten sich indessen nicht nur in Deutsch-
land, sondern auch auf alle europäischen Staaten aus, ganz gleich, ob sie unmit-
telbar oder mittelbar am Krieg beteiligt gewesen waren. Ja sogar die neutralen
Länder, Schweden und die Schweiz, standen bei Kriegsende vor einer in Unordnung
geratenen Wirtschaft, war doch während des Kriegs selbst eine auf das Lebensnot-
wendige Güterzufuhr aus anderen Ländern nur unter größten Schwierigkeiten mög-
lich.

Die großen Verluste und Schäden, die eingetreten waren, ließen sich unmöglich in
wenigen Jahren ersetzen. Die Wiederherstellung normaler Verhältnisse in den vom
Krieg schwer heimgesuchten und ausgezehrten Ländern beanspruchte nicht nur
geraume Zeit, sondern auch größte Anstrengungen, finanzielle Mittel und riesige
Materialmengen.

Die westeuropäischen Länder, zumeist arm an Rohstoffen, sind ohne Güteraustausch
untereinander und mit außereuropäischen Ländern lebensunfähig; sie bedürfen
überseeischer Rohstoffe - wie Metalle, Wolle, Baumwolle, Kautschuk, Erdöl - sowie
vor allem auch ausländischer Nahrungsmittel. Solche Einfuhren sind jedoch auf die
Dauer nur möglich, wenn es den Westeuropäischen Ländern ihrerseits gelingt, vor
allem hochwertige Fertigwaren auszuführen, um mit Hilfe dieser Exporte die lebens-
notwendigen Einfuhren zu bezahlen.

Schon 1945 und noch mehr 1946 zeigte sich deutlich, daß kaum ein europäisches
Land aus eigener Kraft die Güter erzeugen konnte, die sowohl für die Deckung des
eigenen Bedarfs als auch als Gegenleistung für die wahrhaft lebensnotwendigen
Einfuhren notwendig waren. So lag noch im Jahre 1947 die industrielle Produktion
Westeuropas weit unter dem Stand der Vorkriegszeit.

Quelle:
ERP - Europäisches Wiederaufbauprogramm / Marshall-Plan.
'Vier Jahre Marshall-Plan.'
Verfasser: E. Schroeder / A. Vossen.
Herausgeber: Europa-Bildungswerk, Regensburg / Düsseldorf.
1953. 56 Seiten, bebildert.

2 Euro plus Porto.

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Ergänzende Informationen:

Länder und Besatzungszonen Deutschlands:
http://sommerfeldfamilien.net/sommerfeldbilder/deutschland/besatzungszonen.jpg


Treibeis:
http://ahnen-navi.de/viewtopic.php?f=174&t=4922
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