Die erste Wiedervereinigung. Eingliederung der Saar.

Zeitgeschichtlich flankierende Ereignisdaten der Gewerkschaftgeschichte.

Moderator: -sd-

Die erste Wiedervereinigung. Eingliederung der Saar.

Beitragvon -sd- » 30.09.2017, 10:41

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Die erste Wiedervereinigung.

Es ist für den Deutschen, vor allem für den heimatvertriebenen Ostdeutschen,
Anlaß einmal mitten in der Alltagsarbeit innezuhalten und sich eines bedeut-
samen politischen Ereignisses bewußt zu werden. Es steht nach den abschlies-
senden Besprechungen zwischen dem Bundeskanzler und den französischen
Staatsmännern nunmehr fest, daß zum ersten Mal nach 1945 mit dem Saar-
land ein wichtiges Teilgebiet des alten Deutschen Reichs am 1. Januar 1957 —
also in drei Monaten in das Vaterland zurückkehren kann. Wir wissen alle, daß
es vor allem der deutlich bekundete Wille der Deutschen an der Saar gewesen
ist, der diese Heimkehr ermöglicht hat. Allen, die bei der Volksabstimmung
an der Saar so unmißverständlich den wahren Willen des Volkes ausgedrückt
haben, muß der herzliche Dank der ganzen Nation ausgesprochen werden.
Die lange hinausgezögerte Zustimmung Frankreichs war nicht ohne einen
hohen finanziellen Preis zu erreichen. Wir werden mehrere hundert Millionen
Mark zu zahlen haben, und wir müssen auch unsere Zustimmung zu dem um-
strittenen Plan der Moselkanalisierung geben. Die Franzosen waren von An-
fang an entschlossen, sich ihr sogenanntes "Saarpfand" teuer abkaufen zu
lassen. Das Vertragswerk, das die einzelnen Probleme der Rückkehr des Saar-
gebiets regelt und das in diesen Tagen unterzeichnet wird, umfaßt volle drei-
hundert Seiten. Es enthält gewiß eine Fülle von Bestimmungen, die wir als
eine ernste Belastung empfinden müssen. Gewisse französische Einrichtungen,
wie die der Währungsbank, werden voraussichtlich noch bis 1960 im Saar-
gebiet verbleiben.

Der Rücken ist frei.

Die deutschen Politiker an der Saar haben sehr richtig darauf hingewiesen,
daß durchaus nicht alle gewichtigen saarländischen Forderungen erfüllt
worden sind. Sie haben aber ebenso treffend betont, daß die Tatsache der
Eingliederung der Saar in die Bundesrepublik auch trotz dieser Hypotheken
so sehr bedeutsam ist, daß man sowohl im Saargebiet als auch in der Bundes-
republik über die Lösung erfreut sein kann. Mit den Männern in Saarbrücken
sind wir uns alle einig darüber, daß die Saarlösung endlich den Rücken frei-
macht, um nunmehr alle Kräfte auf die große gemeinsame Aufgabe, die
Wiedervereinigung ganz Deutschlands, zu konzentrieren. Für die Opferbereit-
schaft der Bundesrepublik bei diesem Vertragsschluß haben die Minister des
Saarlands Bonn ausdrücklich den Dank ausgesprochen.

Es ist klar, daß die jahrelange Abtrennung eines rein deutschen Gebiets
auch im Westen für die gesamte deutsche Wiedervereinigungspolitik und vor
allem auch für die Regelung der so entscheidend wichtigen ostdeutschen
Probleme eine schwere Belastung darstellen mußte. Es war jenen Kreisen, die
sich der Lösung der mittel- und ostdeutschen Schicksalsfragen so hartnäckig
widersetzen, die so gern immer wieder von der "endgültigen Lösung an der
Oder-Neiße" sprachen und sprechen, nur zu willkommen, wenn sie darauf
hinweisen konnten, daß ja auch das Saarland von Deutschland abgetrennt
worden sei und daß man seine Schätze ebenso für die Rechnung anderer
Staaten ausbeute, wie die Industrie und die Landwirtschaft Mitteldeutsch-
lands und des deutschen Ostens. An dem Tage, wo sich das Saargebiet wieder
als deutsches Bundesland fühlen kann, sind wir in der Tat in der Lage, die
geballte Energie unserer Nation noch mehr als bisher für die Vertretung
unserer Anliegen im Osten einzusetzen.

Es hat noch vor nicht wenigen Jahren viele Deutsche gegeben — unter ihnen
sogar maßgebende Politiker —, die an eine völlige Rückgliederung des Saar-
gebiets ebenso wenig glaubten, wie an echte Fortschritte in der Frage der
gesamtdeutschen Wiedervereinigung nach dem Osten hin. Die Einigung, die
am letzten Septembertag 1956 nunmehr erreicht wurde wäre undenkbar ge-
wesen, wenn sich nicht die unmittelbar Betroffenen so klar und so unbeirrbar
unablässig für sie eingesetzt hätten. Das sollte allen Skeptikern bei uns
Anlaß genug sein, klar zu erkennen, welch hohen Wert heute und in Zukunft
immer noch das energische Wollen, die unbeirrbare Tatbereitschaft unseres
Volkes bei der Verwirklichung unserer Schicksalsanliegen hat. Das Wort, daß
nur der sich die Welt baut, der fest auf dem Sinn beharrt, der sich in seiner
Zielsetzung nicht beirren läßt, es hat hier abermals seine Wahrheit erwiesen.

Mutig voran !

Die erste Wiedervereinigung, die sich nun bald in Deutschland vollzieht, muß
uns den Antrieb geben, nun mit freiem Rücken an die noch viel größeren
Probleme heranzugehen. Wir können es gewiß nur begrüßen, wenn man sich
in Bonn versprach, nach der Klärung so mancher trennender Fragen mit aller
Energie die Kräfte der beiden großen westeuropäischen Nationen auch dem
Ziel einer engeren und fruchtbareren europäischen Zusammenarbeit zu widmen.
In einer Welt, in der sich die politischen Gewichte so sehr verschoben haben
und große geschlossene Blöcke die anderen Erdteile beherrschen, hat bis
heute Europa durch seine Zersplitterung und durch den überspitzten natio-
nalen Ehrgeiz einzelner Staaten unendlich viel von seiner alten Kraft in der
Weltpolitik eingebüßt. Es ist gewiß richtig, wenn darauf hingewiesen wurde,
daß die europäischen Mächte — soweit man überhaupt noch von Mächten
sprechen kann — im großen Konzert der Völker nur dann noch eine starke
Stimme haben wird, wenn sie enger zueinander finden und gemeinsam eine
Fülle von einzelnen Anliegen meistern.

Die deutschen Heimatvertriebenen haben in Voraussicht der künftigen poli-
tischen Situation schon 1950 in ihrer Charta betont, daß sie alle Bestre-
bungen fördern werden, die einem geeinten Europa dienen. Jeder Staats-
mann von echtem europäischem Format aber muß ohne weiteres erkennen,
daß Frieden und Wohlstand unseres Erdballs nicht wiederhergestellt und
nicht behauptet werden können, so lange Deutschland nicht wiedervereinigt
ist, so lange man ihm im Osten vorenthält, was ihm rechtens gehört. Prakti-
sche und sinnvolle Europapolitik ist undenkbar, wenn sie das europäische
Kernanliegen der deutschen Einheit ausklammern wollte. Wir Deutschen sind
gewiß mit ganzem Herzen dabei, wenn man sich um eine engere Zusammen-
arbeit der europäischen Staaten bemüht. Wir wollen uns aber zu jeder Stunde
bewußt sein, daß nichts so sehr dazu beiträgt, aus unserem Erdteil einen Hort
des Friedens und der Ordnung zu machen, als die Lösung der großen deutschen
Frage. Daß die Probleme an der Saar gemeistert wurden, verdanken wir dem
festen Willen und der Unbeirrbarkeit deutscher Menschen. Ihr Mut, ihre Ent-
schlossenheit müssen uns Leitstern und Ansporn sein auf unserem weiteren
Weg. Dann wird dieser kleinen die große Wiedervereinigung folgen !

Die Folgen der Austreibungen.

Es hat durchaus den Anschein, dass sich — nicht zuletzt infolge der Darlegungen
von Elizabeth Wiskemann in ihrem Buche 'Deutschlands östliche Nachbarn' über
die Eingliederung der Vertriebenen — in gewissen politischen Kreisen des Westens
die Anschauung verbreitet, es seien zwar die Massenaustreibungen der Nachkriegs-
zeit eine grausame und angesichts des Umfangs der davon betroffenen Bevöl-
kerung zu verurteilende "vollzogene Tatsache", aber ihre Folgen seien doch nun
bereits weitgehend überwunden, was insbesondere darin zum Ausdruck komme,
daß über kurz oder lang auch der letzte arbeitsfähige Heimatvertriebene in
Westdeutschland einen angemessenen Arbeitsplatz gefunden haben werde. —
Wenn nun, so wird daraus gefolgert, die deutschen Heimatvertriebenen ihre
Forderung auf Rückgabe ihrer Heimat weiterhin vertreten, so handele es sich
zwar um eine an sich verständliche Auswirkung der Heimatsehnsucht, aber damit
eben um eine Frage, die sich mit der Zeit "von selbst lösen" werde, zumal sich
die Zahl derer die noch in der Heimat geboren wurden, zwangsläufig immer mehr
vermindere.

Grundfalsche Vergleiche.

Diese Argumentation läuft schließlich auf die Behauptung hinaus, daß also nennens-
werte Folgen der Massenaustreibungen nicht mehr zu verzeichnen seien. Wenn die
deutschen Heimatvertriebenen oder das deutsche Volk trotzdem auf der Rückkehr
der Vertriebenen in ihre Heimat bzw. auf Rückgabe der Oder-Neiße-Gebiete bestün-
den, so sei dies also entweder nur noch "Gefühlspolitik" oder gar ein Anzeichen für
den immer noch vorhandenen "deutschen Imperialismus".

In diesem Sinne schreibt beispielsweise Miss Wiskemann in ihrem Buche:
"Unvermeidliche Verluste abzuschreiben, so wie die Briten Indien und Irland abge-
schrieben haben, ist nicht gerade das, wozu sich die Deutschen als fähig erwiesen".
Zwar hütet die Miss Wiskemann diesen Vergleich ausdrücklich als gültig für die
Heimatgebiete der Vertriebenen zu bezeichnen, aber es zeigt dies nichtsdesto-
weniger, in welche Richtung die öffentliche Meinung des Westens gedrängt werden
soll: Auch Ostdeutschland und das Sudetenland sollen als "unvermeidliche Verluste"
erscheinen, mit denen sich die Heimatvertriebenen und das deutsche Volk abfinden
sollen (wobei sich die wirkliche Sachlage sogleich für den Westen verdeutlicht,
wenn darauf hingewiesen wird, daß die deutschen Ostgebiete keineswegs im Ver-
hältnis Englands zu Indien standen, sondern wie etwa das Gebiet nördlich der Linie
Liverpool-Hull zu London).

Gegenüber jener Forderung auf "Abschreibung" ist mit allem Nachdruck darauf
hinzuweisen, dass durch die Massenaustreibungen durchaus nicht allein die be-
troffene Bevölkerung oder das deutsche Volk in Mitleidenschaft gezogen worden
ist, sondern daß sich die Folgen der Austreibungen täglich in ganz Europa und in
der Welt bemerkbar machen und zwar sowohl auf wirtschaftlichem wie auch auf
politischem Gebiete.

Auf wirtschaftlichem Felde ergab sich infolge der Austreibungen eine Lage, die
durch zwei entscheidende Erscheinungen charakterisiert ist: Durch starke
Krisenanfälligkeit der rotpolnischen und tschechoslowakischen Wirtschaft
einerseits und durch verstärkte Industrialisierung und den entsprechend er-
höhten Exportdruck Westdeutschlands andererseits.

Was die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in den Satellitenstaaten
Polen und Tschechoslowakei anlangt, so hat sich inzwischen herausgestellt,
daß die zu verzeichnenden Krisen und Mängel durchaus nicht allein auf die Un-
zulänglichkeiten des kommunistischen Wirtschaftssystems zurückzuführen
sind, sondern vornehmlich auf den Mangel an Menschen. Dies ist sowohl von
rotpolnischer Seite wie von Prager Regierungsstellen wiederholt zugegeben
worden. Es ist also genau das eingetroffen, was der seinerzeitige britische
Außenminister befürchtete, der am 22. Oktober 1946 ausführte, es sei eine
Frage, ob die Gebiete jenseits von Oder und Neiße auch wirklich voll genutzt
werden könnten. Die Tatsache, daß Polen alljährlich rund eine Millionen
Tonnen Getreide importieren muß und daß auch in der Tschechoslowakei die
Wiederbesiedlung und Nutzung des Sudetenlandes nicht zu bewerkstelligen ist
— wie selbst Miss Wiskemann verzeichnen muß —, wirft ein bezeichnendes
Licht auf die Folgen der Austreibungen in jenen beiden Ländern.

Andererseits standen das westliche Europa und die freie Welt vor der Frage,
ob das übervölkerte Westdeutschland zu einem ungeheuren Elendsgebiet werden
sollte mit all den politischen Gefahren, die daraus erwachsen mußten, oder
ob man sich mit einer zunehmenden Industrialisierung und einer entsprechenden
ständigen Erhöhung des westdeutschen Exports abfinden sollte. Wenn man sich
für das letztere entschloß, so entsprach dies sicherlich nicht nur den politischen
Notwendigkeiten, sondern es kam darin auch zum Ausdruck, daß die Traditionen
des Westens sich gegenüber den Leidenschaften der Kriegszeit durchsetzten.
Wenn sich aber in letzter Zeit die Klagen in Großbritannien über die deutsche
Exportkonkurrenz häufen, so sollte unter jeder Statistik über den deutsch-
britischen "Wettbewerb um die Märkte", die in der englischen Presse erscheint,
die Bemerkung hinzugefügt werden: Folge der Massenaustreibungen.

Vernichtung des Gleichgewichts.

Auf politischem Gebiete schließlich sind die Folgen der Austreibungen so allge-
mein sichtbar, daß es hierzu nur eines Hinweises bedarf: Die Massenaustreibun-
gen bedeuteten zugleich eine Vernichtung des Gleichgewichts der politischen
Kräfte auf dem europäischen Kontinent, was wiederum zu einer ständigen
Gefährdung des Friedens in aller Welt geführt hat. Ein Vergleich zwischen der
verhältnismäßigen Stabilität der europäischen Verhältnisse zwischen 1815 und
1914 — die sich so günstig insbesondere für die angelsächsischen Mächte auswirkte —
und dem gegenwärtigen Zustand Europas macht dies umso deutlicher.

Es ließe sich noch eine ganze Reihe weiterer sehr ernster Folgen der Massen-
austreibungen — zum Beispiel auf dem Gebiete der "politischen Psychologie" —
anführen, aber allein schon die Übersicht über die unmittelbar spürbaren
Auswirkungen jener Geschehnisse vermittelt mit hinreichender Eindruckskraft
die Erkenntnis, daß die deutschen Heimatvertriebenen in ihrem friedlichen
Streben nach Anerkennung und Verwirklichung des Rechts auf die angestammte
Heimat eine wahrhaft europäische Aufgabe zu erfüllen bemüht sind und daher
erwarten können, daß man diesem Anliegen Verständnis entgegenbringt und
ihnen nicht in den Rücken fällt, wie dies leider gerade durch jene Schrift von
Elizabeth Wiskemann und auch durch das Echo, das diese in England fand,
erfolgt ist.

Dr. Eduard Jennicke

Quelle: OSTPREUSSENBLATT, 6. Oktober 1956

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