"Lehrjahre sind keine Herrenjahre !"

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"Lehrjahre sind keine Herrenjahre !"

Beitragvon -sd- » 09.12.2016, 09:33

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Erinnerungen eines alten Gewerkschafters.

Oft wurde mir gesagt "Lehrjahre sind keine Herrenjahre !"
Dank der fortschrittlichen Einstellung meiner Firmenleitung
waren allzu große Drangsalierungen oder gar Mißhandlungen,
die in anderen Betrieben häufig vorkamen, verboten und
daher ausgeschlossen. Immerhin hatten wir Lehrlinge doch
mancherlei zu erdulden. So zum Beispiel hielt ich es für ein
schreiendes Unrecht, daß wir, jeden Tag im Anschluß an die
neunstündige Arbeitszeit, noch zwei Stunden die Fortbildungs-
schule zu besuchen hatten. Hinzu kam noch ein vierstündiger
Unterricht an jedem Sonntag. Als ich mich hierüber bei meinem
Lehrmeister beschwerte, bekam ich zur Antwort, daß zu seiner
Zeit die Lehrlinge zu arbeiten hatten, so lange es dem Lehr-
herrn gefiel. Im übrigen solle ich arbeiten und nicht reden.

Als ich Weihnachten einige Tage Urlaub haben wollte, um zu
meinen Angehörigen zu fahren, hatte ich Schwierigkeiten,
denn Urlaub gab es damals nicht.

Was mir auch höchst ungerecht vorkam: die ersten drei Jahre
bekamen wir keinen Pfennig Lohn.

Als ich einige Tage vor dem 1. Mai um Urlaub für die Maifeier
bat, wußte mein Lehrherr überhaupt nicht, was er sagen sollte.
Natürlich lehnte er ab. Daraufhin sagte ich ihm, ich würde am
1. Mai nicht zur Arbeit kommen. Diese Ankündigung verschlug
ihm die Sprache, so daß er spornstreichs zur Geschäftsleitung
ging, um sich Rat zu holen, was mit diesem renitenten Lehr-
ling eigentlich zu machen sei. Lachend - so wurde mir später
mitgeteilt - habe die Firmenleitung entschieden: "Lassen Sie
den Jungen ruhig feiern." Kopfschüttelnd teilte mir mein
Meister mit, daß mir der Urlaub bewilligt sei.

Eine besonders schwierige Situation entstand für uns Lehrlinge,
als - auf Wunsch der Firmenleitung - die neunstündige
Arbeitszeit auf acht Stunden herabgesetzt wurde. Nun mußte
das Arbeitstempo beschleunigt werden. Eines Tages schneuzte
ich mir meine Nase, das bemerkte der Meister, der mir sofort
sehr energisch klar machte, daß bei einer so kurzen Arbeitszeit
auch das Nasenschneuzen viel schneller gehen müsse. Na,
einige Wochen später ging es auch wieder ruhiger zu.

Die Jahre vergingen. Die mit Sehnsucht erwartete Beendigung
der Lehrzeit gab mir erst die Möglichkeit, mich zu organisieren.
Nun endlich konnte ich mich gewerkschaftlich und politisch
betätigen.

Mit einem Feuereifer stürzte ich mich in die Arbeit. Sehr häufig
habe ich nun erleben müssen, daß mir seitens älterer Kollegen
anläßlich irgendwelcher Diskussionen, wenn ihnen die Argumente
ausgingen, gesagt wurde: "Da kannst du noch gar nicht mitreden,
dazu bist du noch viel zu jung." Dieser Ausspruch hat mich jedes-
mal so geärgert, daß ich mir fest vorgenommen habe: sollte ich
einmal zu den Alten gehören - eine damals unvorstellbare
Sache -, den Jungen gegenüber niemals von dieser dummen
und kränkenden Redensart Gebrauch zu machen. So habe ich
es auch immer gehalten. Jetzt gehöre ich zu den Alten.

Rückblickend kann festgestelt werden, daß die vergangenen
Jahrzehnte gewerkschaftlichen Kampfes gerade für die Jugend
außerordentlich viel an Fortschritten gebracht haben.

Früher lange Arbeitszeit - heute Achtstundentag.
Früher Fortbildungsschulunterricht an Abenden und
auch sonntags - heute Unterricht während der Arbeitszeit.
Früher kein Lehrlingsentgelt - heute Gehalt.
Früher keinerlei Urlaub - heute tariflich festgelegt.
Heute Jugendschutz und Möglichkeit der Organisation -
früher nichts dergleichen.

Schließlich sei noch darauf hingewiesen, daß heute jeder
Erwerbslose eine staatliche Arbeitslosenunterstützung
bekommt. Früher nichts !

Ihr Jungen von heute habt die heilige Verpflichtung, auf der
Grundlage des Gegebenen weiterzuarbeiten und zu kämpfen,
um die Voraussetzungen zu schaffen für weitere Fortschritte.


Hans Geiser

Quelle: 'Jugendpost', März 1953, Monatszeitschrift der DAG-Jugend.

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